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01.10.26

In Krisenzeiten – Wie handlungsfähig sind Staat, Wirtschaft und Gesellschaft?

In Krisenzeiten – Wie handlungsfähig sind Staat, Wirtschaft und Gesellschaft?

Foreign Policy Talk zum Zusammenhang von Wehrfähigkeit und Wertschöpfung

Text Annette Kusche | Referentin für Politische Grundsatzfragen und Ausschüsse

Unter dem Titel „Wehrfähigkeit und Wertschöpfung – wie handlungsfähig sind Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in der Krise?“ diskutierten beim Foreign Policy Talk des VBKI am 1. Oktober 2026 Dr. Sigrid Evelyn Nikutta, Cathrin Wilhelm, Kerstin Petretto und Sven Middelhauve.

Sicherheit ist eine gemeinsame Aufgabe. Sie entscheidet sich nicht allein an militärischen Fähigkeiten, sondern auch daran, ob kritische Infrastrukturen funktionieren, Lieferketten belastbar und industrielle Kapazitäten verfügbar sind. Im Zentrum der Diskussion stand deshalb der Zusammenhang von Wehrfähigkeit, industrieller Leistungsfähigkeit und Wertschöpfung.

Verwundbarkeit beginnt an den Schnittstellen

Energie, Wasser, Verkehrswege, Telekommunikation, digitale Infrastruktur, Rohstoffe und Lieferketten bilden ein eng verflochtenes System. Der Berliner Stromausfall Anfang 2026 zeigte beispielhaft, wie entscheidend dabei die Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Verantwortlichkeiten, Systemen und Kommunikationswegen sind. Hinzu kommen gefährliche Abhängigkeiten bei Ressourcen, Vorprodukten und Technologien. Sicherheitspolitik, Wirtschaftspolitik und Industriepolitik lassen sich deshalb immer weniger getrennt voneinander betrachten.

Handlungsfähigkeit entsteht im Zusammenspiel

Damit stellt sich die Frage nach der Gesamtverteidigung. Wer ist wofür verantwortlich und wie greifen staatliche, militärische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen ineinander?
Handlungsfähigkeit entsteht nicht durch Pläne allein. Zuständigkeiten und Entscheidungswege müssen geklärt und das Zusammenspiel über institutionelle Grenzen hinweg erprobt werden. Auch Redundanzen gewinnen dabei an Bedeutung. Was unter normalen Bedingungen ineffizient erscheinen mag, kann in einer Krise entscheidend sein.

Sicherheit wird zur unternehmerischen Aufgabe

Für Unternehmen wird Sicherheit damit Teil der betrieblichen Realität. Abhängigkeiten bei Energie, Rohstoffen, Transportwegen, Daten oder Kommunikation können unmittelbar die eigene Produktions- und Handlungsfähigkeit beeinträchtigen. Business Continuity Management gewinnt deshalb strategische Bedeutung. Kritische Prozesse und Verwundbarkeiten müssen bekannt, Notfallpläne aktuell und Verantwortlichkeiten auch unter Krisenbedingungen eindeutig geregelt sein.

Resilienz verändert die Logik der Wertschöpfung

Über Jahrzehnte wurden Produktion und Lieferketten vor allem auf Effizienz optimiert. Heute gewinnen belastbare Lieferketten, alternative Bezugsquellen, Redundanzen und industrielle Kapazitäten an Bedeutung. Damit entsteht ein neues Spannungsfeld zwischen Effizienz, Resilienz und Sicherheit. Souveränität kostet. Fehlende Handlungsfähigkeit kann jedoch einen erheblich höheren Preis haben. Die Verbindung funktioniert in beide Richtungen. Ohne industrielle Leistungsfähigkeit keine dauerhafte Wehrfähigkeit. Ohne Sicherheit und Resilienz keine verlässliche Wertschöpfung.

Technologische Souveränität wird zum strategischen Faktor

Auch technologische Souveränität entscheidet zunehmend über wirtschaftliche und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit. Eine besondere Rolle spielen Dual-Use-Technologien, die sowohl zivil als auch im Sicherheits- und Verteidigungsbereich eingesetzt werden können. Innovation braucht Raum zum Experimentieren und zugleich die Möglichkeit, erfolgreiche Lösungen schneller zu testen, weiterzuentwickeln und zu skalieren. Technologische Souveränität bedeutet deshalb auch, Schlüsseltechnologien selbst entwickeln, produzieren und einsetzen zu können.

Entscheidend ist der Schritt ins Handeln

Aus der Analyse von Verwundbarkeiten und Abhängigkeiten muss konkrete Handlungsfähigkeit entstehen. Dazu gehören klare Verantwortlichkeiten, belastbare Lieferketten und industrielle Kapazitäten ebenso wie Business Continuity, technologische Souveränität und ein funktionierendes Zusammenspiel innerhalb der Gesamtverteidigung.

Der Foreign Policy Talk machte vor allem eines deutlich: Wehrfähigkeit und Wertschöpfung sind zwei Seiten derselben Handlungsfähigkeit. Ein starkes Europa braucht eine leistungsfähige und innovative Wirtschaft, um seine Sicherheit gewährleisten zu können. Und diese Wirtschaft braucht Sicherheit und Resilienz, um dauerhaft wettbewerbs- und handlungsfähig zu bleiben.

Entscheidend ist deshalb nicht, was Staat, Wirtschaft und Gesellschaft irgendwann tun müssten, sondern was sie bereits heute verändern und gemeinsam ins Handeln bringen können.

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