Warum Bildung radikales Vertrauen braucht
Zweimal hat Engin Çatık eine Berliner Schule übernommen, die als gescheitert galt, und zweimal hat er sie zum Erfolg geführt. Der Tagesspiegel nennt ihn Berlins bekanntesten Schulretter. Wie er das macht, steht in seinem Buch „Ich gebe niemanden auf“: eine Herleitung dessen, wie radikales Vertrauen die Gesellschaft stärkt. Ein Gespräch über Herkunft, Eigenverantwortung und darüber, was Unternehmen in Schulen ausrichten können.
Das Gespräch führte Christoph Eckert.
Herr Çatık, wenn man die Merkmale anlegt, mit denen die Bildungsforschung Startchancen misst, dann dürften Sie heute nicht auf dieser Seite des Schreibtisches sitzen.
Engin Çatık: Das stimmt. Ich bin bei einer alleinerziehenden Mutter groß geworden. Sie hat vier Kinder großgezogen, mein Vater war knapp 15 Jahre im Gefängnis, wir waren sehr bildungsfern. Nach diesen Belastungs- und Risikofaktoren wäre ich jemand, der im Bildungssystem keinen Erfolg generiert hätte. Deswegen nehme ich mich in dem Buch exemplarisch. Ich spreche ungern über mich selbst, aber ich benutze mich als Figur.
Was hat den Unterschied gemacht?
Menschen, die mir Vertrauen geschenkt, die mir die Hand gereicht haben. Ehrenamtliche in meinem Fußballverein, Pädagoginnen und Pädagogen. Ich habe jederzeit gespürt, dass sie mir trotz meiner schwierigen Startbedingungen vertraut haben, dass sie mir sogar einen Vertrauensvorschuss gegeben haben. Und zwar ohne zu wissen, ob das von Erfolg gekrönt ist. Sie investieren in eine Person und wissen gar nicht, ob etwas dabei herauskommt.
Das sieht man auch im Untertitel Ihres Buches. Er lautet: „Wie radikales Vertrauen die Gesellschaft stärkt“. Radikal ist ein großes Wort für etwas, das erst einmal nach pädagogischer Grundausstattung klingt.
Naives Vertrauen ist damit nicht gemeint. Wenn ich von radikalem Vertrauen spreche, dann meine ich wirklich: Wir haben gar keine andere Wahl. Wir müssen es so machen. Sonst verlieren wir einen hohen Prozentsatz von Kindern und Jugendlichen, nämlich diejenigen, die in der Regel als die Abgehängten bezeichnet werden.
Sie haben drei herausfordernde Berliner Schulen durch Veränderungsprozesse begleitet, zweimal als Schulleiter, einmal als Mitglied der erweiterten Schulleitung. Funktioniert dasselbe Prinzip auch als Führungsinstrument?
Ich habe dreimal erlebt, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr viel gestalten können, wenn man ihnen Freiräume, Ressourcen und Vertrauen schenkt. Ich sage bewusst Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und selten Kolleginnen und Kollegen, ich bin ja der Vorgesetzte. Meine Aufgabe als Führungskraft ist es, die Verantwortung zu tragen, wenn etwas schiefläuft. Meine Schultern sind breit genug. Sie spüren die Rückendeckung und bringen weiter Ideen ein. Das gilt in der Schule wie im Unternehmen.
Warum haben Sie das jetzt aufgeschrieben?
Weil Misstrauen zunehmend eine Rolle spielt, auch dort, wo es nicht angebracht ist. Wenn öffentlich über angeblich faule Menschen gesprochen wird, dann nervt das, weil ich wirklich viele Menschen wahrnehme, die super engagiert sind. Und der Lehrberuf, glauben Sie mir, ist ein Knochenjob. Gerade in Berlin, bei den Herausforderungen in Bezug auf Migration, sprachliche Defizite, Armut.
Sie nennen Migration, Sprache, Armut – was ist denn die größte Herausforderung?
In diesen Milieus spielen wirkliche Abwertungs- und Diskriminierungserfahrungen eine Rolle. Ich meine damit gar nicht Rassismus, ich meine Klassismus. Menschen aus armutsbelasteten Milieus haben immer das Gefühl, dass über sie gesprochen wird, nicht mit ihnen. Dass ihnen nichts zugetraut wird, dass sie als Opfer behandelt werden. Dagegen muss ich vorgehen. Das halte ich für ein viel drängenderes Problem als Migration. Die spielt auch eine Rolle, aber da muss man differenzieren.
„Menschen aus armutsbelasteten Milieus haben immer das Gefühl, dass über sie gesprochen wird, nicht mit ihnen. Dass ihnen nichts zugetraut wird, dass sie als Opfer behandelt werden.“
Woran fehlt es bei dieser Differenzierung?
Ich weiß gar nicht, ob der Migrationshintergrund auf mich noch zutrifft, ich bin die dritte Generation. Von Migration können wir sprechen, wenn es um die ukrainischen Geflüchteten geht oder um die Menschen, die aus Syrien und Afghanistan kommen. Das sind wirklich Herausforderungen für uns als Gesellschaft, und die bewältigen wir auch nur über die Zeit.
Viele Menschen in Deutschland blicken mit Sorge auf Berlin.
Diese Sorgen kann ich verstehen, wirklich. Die Milieus, über die wir sprechen, halten sich von Dingen fern, die wir als selbstverständlich betrachten, von Teilhabe und Partizipation. Entweder, weil sie gar keinen deutschen Pass haben, oder weil sie sich in diesen Umgebungen nicht sicher fühlen. Dann braucht es Brückenbauerinnen und Brückenbauer. Das ist die Chance: Leute, die diese Erfahrung selbst gemacht haben, nutzbar zu machen für unsere Gesellschaft.
Sie haben an Ihrer vorherigen Schule fünf unbenotete Fächer eingeführt: Glück, Verantwortung, Haltung, Zukunft und Empathie. Wie sieht so ein Fach im Unterricht aus?
Nehmen wir das Fach Haltung, an der Johanna-Eck-Schule in Klasse 10 angesiedelt, weil wir die Jugendlichen in diesem Jahr in die große weite Welt entlassen. Und ich will sie mit einer Haltung entlassen. Beeinflussen will ich sie gar nicht. Mir geht es überhaupt nicht darum, ihnen zu sagen, wie sie politisch denken sollen. Aber ich will, dass sie verstehen, dass sie eine Verantwortung für die Gesellschaft tragen. Damals gab es diesen Kniefall des Football-Spielers Colin Kaepernick und damit verbunden das Thema Rassismus in den USA. Ob seine Geste richtig oder falsch war, habe ich nicht zu entscheiden. Meine Aufgabe ist es, den Impuls zu setzen. Einige haben gesagt, der hat vollkommen recht. Andere fanden es verlogen. Diese Meinungspluralität und die Diskussion, das finde ich gut.
Also das Diskutieren lernen?
Korrekt. Einen Standpunkt begründen, widersprechen, dem anderen zuhören, eine Sache abstrahieren: Das erste Erziehungssystem, die Familie, kann das oftmals nicht mehr vermitteln. In intakten Familien schon, aber gerade in urbanen Räumen gibt es sehr viele dysfunktionale Familien, und Berlin ist der größte urbane Raum in Deutschland. Dann muss das zweite Erziehungssystem in diese Lücke hineintreten, das Bildungssystem, sei es Kita, Grundschule oder Oberschule. Ich verlange da sehr viel von meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, einige fühlen sich davon auch überfordert. Aber die Jugendlichen brauchen diese Skills, und es müssen Erwartungen an sie geklärt werden. Die können sie dann nämlich in der Ausbildung erfüllen.
Und das Fach Glück?
Das hatten wir im Jahrgang 7. Da ging es erst einmal darum, zu verstehen, dass man einen Selbstwert hat. Es kommen viele Jugendliche, die am Rand unserer Gesellschaft sind oder die sich zumindest so fühlen. Selbst wenn unser Sozialsystem ihnen Angebote macht, sind diese Familien häufig so belastet, dass sie diese Angebote nicht annehmen können, weil sie nicht niedrigschwellig genug sind. Dann muss ich sie dahinführen, sie in Eigenverantwortung bringen und sagen: Dieses Angebot ist da.
Wie sieht dieser Weg in die Eigenverantwortung praktisch aus?
Aus einem Sporttag bei uns an der Schule sind einmal zehn Jahresmitgliedschaften in Sportvereinen entstanden, ermöglicht durch den VBKI. Interessant ist, was dann passiert. Wir sind mit den Familien ins Gespräch gegangen, ganz niedrigschwellig, und ich glaube sogar, dass Familien dabei waren, die so ein Angebot über den regulären Weg hätten bekommen können. Aber auch diese Menschen haben eine Würde. Deswegen nehmen sie manchmal lieber dieses Angebot an, statt zum Sozialamt zu gehen, und sagen: Ein Jahr, okay, vielen Dank, aber danach will ich selber für die Kosten aufkommen.
Sie sagen von sich, Sie gehörten inzwischen zu den oberen zehn Prozent.
Von meinem Gehalt her ungefähr, ja. Und einige dieser Menschen haben keine Ahnung, was in den anderen Milieus passiert. Ihr Mental Load ist so enorm, dass sie nicht immer Ressourcen finden, um Hilfe anzunehmen. Da müssen wir viel sensibler kommunizieren, viel weniger vorwurfsvoll und viel mehr Vertrauen schenken. Ich kann das gerne auch marktwirtschaftlich formulieren: Wir brauchen diese Menschen. Ohne sie werden unsere Unternehmen den Bach runtergehen, unsere Wirtschaft und unser Wohlstand auch.
Über Selbstwert, Verantwortung und Moral wurde in der Schule lange an anderer Stelle gesprochen, im Religionsunterricht.
Unbedingt. In Bayern ist religiöse Sprache noch Teil des Alltags. In Berlin wird man schief angeschaut, wenn man „Grüß Gott“ sagt oder „Gott sei Dank“. Dabei ist das einfach nur eine Orientierung und ein Rahmen für ein Leben. Und das geht vielen Kindern und Jugendlichen zunehmend verloren. Ich bin ein großer Fan des Konzepts der Nächstenliebe, weil es eine ethische Perspektive auf das Leben bietet. Genau das habe ich mit den fünf Fächern versucht: den Kindern Orientierung und einen Rahmen zu geben.
„Einen Standpunkt begründen, widersprechen, dem anderen zuhören, eine Sache abstrahieren: Das erste Erziehungssystem, die Familie, kann das oftmals nicht mehr vermitteln.“
Gab es Jugendliche, bei denen Sie an eine Grenze gekommen sind? Wo kein Durchdringen mehr war?
Ich hatte nie das Gefühl, dass ich einen Schüler nicht erreiche. Gelegentlich hatte ich das Gefühl, dass ich mit ihm im Bildungssystem keinen Erfolg generiere. Aufgegeben habe ich deswegen niemanden. Wir haben immer Anschlussperspektiven gefunden, und das war nicht immer eine Ausbildung. Ein Unternehmen hat einen unserer Schüler erst einmal für ein Jahr genommen und ihn ausbildungstauglich gemacht. Von solchen Unternehmen müsst es noch mehr geben, weil wir als Bildungssystem leider nicht immer ausbildungstaugliche Jugendliche entlassen.
Wie erleben Sie die Bereitschaft der Wirtschaft, sich in Schulen einzubringen?
Ich nehme eine ganz starke Öffnung von Unternehmen in die Schule hinein wahr. Und dann müssen wir Schulleitungen die ausgestreckte Hand auch annehmen. Ich habe das immer gemacht, und ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, die das machen. Trotzdem ist da noch Luft nach oben. Ich habe immer wieder Praktikums- und Entwicklungsplätze von Unternehmen bekommen, weil sie meinem Urteil vertraut haben, selbst wenn die Zeugnisnoten nicht die besten waren. Wenn Menschen zuverlässig sind, gewissenhaft, pünktlich und verantwortungsbewusst, dann ist es nicht immer schlimm, wenn man in Geschichte, Kunst oder Englisch keine guten Noten hat. Die Basiskompetenzen muss man beherrschen, Lesen, Schreiben, Rechnen. Aber man kann gewisse Defizite haben und trotzdem erfolgreich sein.
Wie sieht diese Zusammenarbeit konkret im Unterricht aus?
Ich hatte eine Branchenpartnerschaft mit der Deutschen Bahn. Schülerinnen und Schüler fragen ja nicht selten: Warum muss ich eine Volumenberechnung machen? Mit der Bahn haben wir das auf Mathe und Physik übertragen, dass man etwa für eine Strecke von A nach B so und so viel Kraftstoff benötigt. Wir haben die Unterrichtsinhalte in die Berufswelt übertragen, um die Frage „Warum brauche ich das?“ zu beantworten. Im Zeitalter von KI wird die Frage noch viel häufiger kommen. Wenn wir keine sinnvollen Antworten geben können, dann lautet die Antwort nur: Du lernst fürs Leben. Und das ist für Jugendliche wenig zufriedenstellend. Wir müssen Antworten geben, die schon in den nächsten Lebensabschnitt hineinreichen.
Nach allem, was Sie schildern, könnte man auch resignieren. Sie tun es erkennbar nicht.
Ich bin keiner, der für Opfermentalität steht, im Gegenteil: Ich erwarte sehr viel von den Menschen, die armutsbelastet sind, die migrantisch sind, von mir aus muslimisch sind. Aber es hilft ihnen nicht, wenn ich sage: Ja, es ist alles so schlimm. Ich muss ihnen die Hand reichen und sagen: Guck mal, ich vertraue dir, ich traue dir viel zu, und du wirst deinen Weg gehen. Und das können wir gemeinsam machen, mit vielen Menschen aus Unternehmen.
Das könnte Sie ebenfalls interessieren
Digitale Souveränität wird zur Überlebensfrage
Whitepaper: VBKI fordert Strategie für digitale Unabhängigkeit des Mittelstands
10 Maßnahmen: So wird Berlin Europas Gesundheitshauptstadt
VBKI-Gesundheitsausschuss stellt Aktionsplan vor und lanciert „Berlin Health Map“
Jung. Erfolgreich. Wegweisend.
VBKI und Tagesspiegel würdigen Berlins „Top 40 bis 40“









