Willkommen im „New Normal“
Foreign-Policy-Talk analysiert eine Welt im Umbruch
Text Sebastian Thomas | Leiter Kommunikation und Marketing
Die alte Weltordnung bröckelt – doch eine neue ist noch nicht in Sicht. Statt klarer Bündnisse prägen Unsicherheit, Machtpolitik, Krisen und Konflikte sowie ein zunehmend rauer Umgangston die internationale Bühne. Genau diese Zwischenphase stand im Zentrum eines Foreign Policy Lunches, bei dem eine Expertenrunde mit rund 50 Mitgliedern und Gästen die geopolitischen Umbrüche unserer Zeit diskutierte.
Initiiert vom Ausschuss „Internationale Politik und Wirtschaft“ und moderiert von dessen Co-Vorsitzenden Prof. Eberhard Sandschneider analysierten Michael Müller, ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin und langjähriges Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, sowie Stormy-Annika Mildner, Geschäftsführende Direktorin des Aspen Instituts Deutschland, die tektonischen Verschiebungen der internationalen Politik. Sie zeichneten das Bild einer Welt, in der sich Europa neu positionieren muss.
Abschied von alten Gewissheiten
Stormy-Annika Mildner beschrieb ein internationales „New Normal“: mehr Transaktionalismus, schwindende Verbindlichkeit und ein rauerer diplomatischer Ton. Die Zeit eines stabilen transatlantischen Werte- und Interessensbündnisses sei vorbei. Zwar seien die USA mehr als eine einzelne Administration, doch das Prinzip „America First“ gewinne zunehmend an Gewicht – mit spürbaren Folgen für Partner und Institutionen.
Auch auf internationalen Foren wie der Münchner Sicherheitskonferenz oder dem Raisina Dialogue in Neu-Delhi werde dieser Wandel sichtbar: Der viel zitierte „europäische Moment“ bleibe bislang aus. Europa spreche nicht mit einer Stimme und werde entsprechend nicht als geschlossener Akteur wahrgenommen.
Gleichzeitig verschieben sich die Perspektiven: Während Europa und Nordamerika die Umbrüche vor allem als Risiko begreifen, sieht der globale Süden darin häufig auch Chancen. Die bestehende Weltordnung gilt dort zunehmend als westlich geprägt und nicht mehr zeitgemäß.
Europa zwischen Werten und Interessen
Michael Müller betonte, dass viele in Europa den tiefgreifenden Wandel zwar erkannt hätten – nicht jedoch dessen Richtung. Unklar sei vor allem, welche Rolle Europa künftig spielen wolle und könne und wer seine verlässlichen Partner seien.
Besonders gravierend sei der Vertrauensverlust im Nahen Osten. Doppelstandards in der wertegeleiteten Außenpolitik und fehlende langfristige Strategien hätten die Glaubwürdigkeit nachhaltig beschädigt. Vor diesem Hintergrund stellte sich die zentrale Frage: Muss Europa seine wertebasierte Außenpolitik stärker an Interessen ausrichten?
Die Antwort fiel differenziert aus: Werte und Interessen stehen nicht zwangsläufig im Widerspruch. Eine wertegeleitete Politik kann durchaus im eigenen Interesse liegen – darf jedoch nicht der alleinige Maßstab in einer zunehmend komplexen Welt sein.
Neue Allianzen, neue Instrumente
Mildner verwies auf einen Trend hin zu flexibleren Kooperationsformaten: Wo multilaterale Lösungen blockiert sind, gewinnen „Koalitionen der Willigen“ oder Bündnisse von Mittelmächten an Bedeutung. Beispiele wie die Annäherung an Indien zeigen jedoch auch die Grenzen solcher Partnerschaften – sie sind oft pragmatisch, aber keine Wertegemeinschaften.
Zugleich gewinnt „Economic Statecraft“ an Bedeutung: Wirtschaftliche Instrumente werden gezielt zur Durchsetzung außenpolitischer Ziele eingesetzt. Das wirft schwierige Fragen auf – etwa nach Kosten, Prioritäten und politischer Steuerung.
Verwundbarkeit moderner Gesellschaften
Ein zentrales Thema war die mangelnde Resilienz moderner Gesellschaften, insbesondere in urbanen Räumen. Mildner machte deutlich, dass Effizienzsteigerungen über Jahrzehnte Vorrang vor Risikomanagement hatten. Der Aufbau von Redundanzen oder strategischen Reserven spielte lange kaum eine Rolle.
Die Folge sind gewachsene Abhängigkeiten und erhöhte systemische Risiken – sowohl auf Unternehmensebene als auch gesamtwirtschaftlich.
Mit Blick auf Berlin wurde Müller noch deutlicher: Die Hauptstadt sei auf Krisen- oder gar Kriegsfälle unzureichend vorbereitet. Es fehle an Schutzräumen, einer koordinierten zivilen Krisenstruktur und abgestimmten Gesundheitskapazitäten. Erste Fortschritte seien erkennbar, insgesamt bestehe jedoch erheblicher Nachholbedarf.
Dauerkrisen im Nahen Osten
Mit Blick auf mögliche Entwicklungen im Nahen Osten überwog Skepsis. Militärische Interventionen bieten aus Sicht der Diskutanten keine nachhaltigen Lösungen, ein Regimewechsel von außen erscheint unrealistisch. Die Konflikte drohen sich weiter auszuweiten – mit langfristigen humanitären und politischen Folgen.
Selbst im Falle eines Endes der Kampfhandlungen fehlt es an tragfähigen Konzepten für die Zeit danach – sowohl in den USA als auch in Israel.
China als stiller Profiteur
Im geopolitischen Wettbewerb rückt China zunehmend in den Fokus. Sandschneider beschrieb das Land als strategisch geduldig und langfristig orientiert. Während der Westen mit internen Spannungen ringt, inszeniert sich China als Stabilitätsanker und als Verfechter einer regelbasierten Ordnung – zumindest rhetorisch.
Tatsächlich hat China in vielen Technologiebereichen bereits eine Führungsrolle erreicht und nutzt wirtschaftspolitische Instrumente gezielt zur Durchsetzung eigener Interessen. Für viele Staaten des globalen Südens ist Peking damit zu einer attraktiven Alternative geworden.
Europa ohne gemeinsame Stimme?
Welche Rolle wird Europa künftig spielen? Ein wiederkehrendes Motiv der Diskussion war die mangelnde Einigkeit des Kontinents. Nationale Interessen, politische Divergenzen und das Erstarken populistischer Kräfte erschweren eine gemeinsame Außenpolitik erheblich. Konzepte wie ein „Kerneuropa“ kommen seit Jahren kaum voran – eine Entwicklung, die Müller als „dramatisch“ bezeichnete.
Zugleich stehen die europäischen Gesellschaften vor strukturellen Herausforderungen: demografischer Wandel, die Leistungsfähigkeit von Staat und Verwaltung sowie der Umgang mit potenziell sinkendem Wohlstand. Eine dauerhaft expansive Schuldenpolitik ist kein tragfähiger Weg, um notwendige Entscheidungen aufzuschieben.
Gleichzeitig, so Mildner, dürfe sich Europa nicht „verzwergen“. Der Kontinent sei weiterhin ein wirtschaftliches Schwergewicht – dieses Potenzial müsse auch außenpolitisch stärker genutzt werden.
Fazit: Eine Welt ohne klare Ordnung
Der VBKI-Foreign-Policy-Lunch zeigte deutlich: Die internationale Politik befindet sich in einer offenen Übergangsphase. Alte Gewissheiten sind überholt, neue Strukturen noch nicht etabliert.
Europa steht vor der Herausforderung, seine Rolle neu zu definieren – zwischen Werten und Interessen, zwischen Anspruch und Realität. Entscheidend wird sein, strategische Ziele klar zu benennen und entschlossen zu verfolgen. Denn eines wurde ebenfalls deutlich: Verzagtheit kann zum Bumerang werden.
Oder positiv formuliert: Europa muss offen, flexibel und mutig agieren – und bereit sein, eingefahrene Wege zu verlassen. Eine Rückkehr zur alten Ordnung wird es nicht geben. Die Suche nach Antworten hat gerade erst begonnen.
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